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Erinnern für die Zukunft (09. Mai 2022)

Gedenkveranstaltung für Opfer der NS-Euthanasie thematisiert Medikamentenversuche an Psychatriepatient*innen vor und nach 1945

Im Rahmen der nationalsozialistischen Euthanasie sind fast 6.000 Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung aus Hamburg in Tötungs- und Verwahranstalten gebracht worden. Über 4.700 von ihnen wurden nachweislich getötet. Jährlich zum 08. Mai, in diesem Jahr auf den 09. Mai verschoben, haben wir auch in diesem Jahr gemeinsam mit der Asklepios Klinik Nord–Ochsenzoll, der Evangelischen Akademie der Nordkirche und der Evangelischen Stiftung Alsterdorf im Rahmen der gemeinsamen Veranstaltung „Erinnern für die Zukunft“ den Opfern der NS-Euthanasie gedacht. Das Programm war traditionell wieder in den Alsterdorfer Vormittag und den Ochsenzoller Nachmittag eingebettet. 

Alsterdorfer Vormittag & Ochsenzoller Nachmittag
Am Vormittag stand u.a. im Beisein von Senatorin Dr. Melanie Leonhard und Landespastor Dirk Ahrens die Einweihung des neuen Lern- und Gedenkortes auf dem Gelände der Evangelischen Stiftung Alsterdorf im Mittelpunkt. 

Der Nachmittag wurde unter die Frage nach medizinischen Forschungsaktivitäten an psychiatrischen Patient*innen vor und nach 1945 gestellt. Dazu referierte Prof. Dr. Cornelius Borck, Leiter des Instituts für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung der Universität zu Lübeck. Im Auftrag des Sozialministeriums von Schleswig-Holstein untersuchte sein Institut von 2018-2021 im Rahmen einer Studie die Medikamentenversuche in psychiatrischen Einrichtungen in Schleswig-Holstein in den Jahren von 1949-1975 und in einer Folgestudie die Erfahrungen von Leid und Unrecht von Kindern und Jugendlichen in der Psychiatrie und Behindertenhilfe in Schleswig-Holstein im Zeitraum 1949-1990.  

Erinnern für die Zukunft: Über den Nationalsozialismus hinaus
Mit Blick auf die Studienergebnisse und den Anlass der Veranstaltung betonte Prof. Borck in seinem Vortrag „Stagnation oder Neuanfang - Medikamentenversuche und die Frage nach Kontinuitäten in der Psychiatrie vor und nach 1945“, dass das Erinnern für die Zukunft nicht beim Nationalsozialismus stehen bleiben könne. So wurden keine zehn Jahre nach Ende des Nationalsozialismus wieder Experimente an psychiatrischen Patient*innen gemacht, als neu entwickelte Psychopharmaka undifferenziert erprobt wurden. Diese Experimente fanden nicht im Geheimen statt und ihre Ergebnisse wurden in der Fachpresse öffentlich zugänglich publiziert, obwohl sie bereits damaligen ethischen Grundsätzen widersprachen: Patient*-innen wurden weder über die Medikamentenversuche aufgeklärt, noch wurde deren Einwilligung eingeholt. Das deutsche Arzneimittelgesetz, das u.a. Aufklärung und Einwilligung vorsieht, gibt es zwar erst seit 1976, medizinethische Grundsätze wie den Nürnberger Kodex, der eine Einwilligung vorschreibt, gab es jedoch schon in der Nachkriegszeit. 

Mit Hinblick auf die Verabreichung zugelassener Psychopharmaka erklärte Prof. Borck, dass verschiedene Quellenmaterialien den Schluss zulassen, dass Psychopharmaka nicht alleinig zu Therapiezwecken verabreicht wurden, sondern vor allem auch zum Einsatz kamen, um psychiatrische Patient*innen ruhig zu stellen und auf diesem Personal einzusparen.

"Vor allem Gespräche mit Betroffenen, aber auch weitere Quellenmaterialien belegen eine aus heutiger Sicht erschreckende menschenverachtende Grundhaltung gegenüber psychisch Kranken und Behinderten bis weit in die 1970er Jahre hinein", so Prof. Borck. 

Doktorarbeit als Anstoß für systematische Aufarbeitung
Erst in den vergangenen Jahren haben mehrere Bundesländer mit einer systematischen Aufarbeitung dieser Experimente begonnen, wie z.B. im Rahmen der Forschungsarbeit von Prof. Borck für Schleswig-Holstein. Auslöser für diese Aufarbeitungsprozesse, so Prof. Borck, war die Doktorarbeit der Pharmazeutin Sylvia Wagner aus dem Jahr 2016, die für Medienecho sorgte. In der Forschungsarbeit hat Wagner Arzneimittelstudien und Sedierung durch Psychopharmaka in Kinderheimen in der BRD im Zeitraum von 1950 bis etwa Mitte der 1970er Jahre untersucht und aufbereitet – das Material dazu war frei zugänglich. 


Weiterführende Informationen


Impressionen von der Veranstaltung finden Sie hier

 

Hendrikje Seidler
Referentin Unternehmenskommunikation

Stiftung Freundeskreis Ochsenzoll

Fuhlsbütteler Damm 83 - 85
22335 Hamburg
Tel.: 040  53 32 28 - 14 09
E-Mail: hendrikje.seidler@sfo.hamburg